EMW Geschichte
Die Geschichte von EMW – vom BMW-Werk Eisenach zur eigenen Oldtimer-Marke
Kaum eine deutsche Automarke der Nachkriegszeit steht so sehr für den Bruch zwischen politischer Teilung und industrieller Kontinuität wie EMW. Die Geschichte des Eisenacher Motorenwerks beginnt lange vor 1945 – und sie ist untrennbar mit dem Namen BMW verbunden.
Ursprung: Die Fahrzeugfabrik Eisenach (1896–1928)
Die industrielle Geschichte des späteren EMW-Werks beginnt 1896 mit der Gründung der Fahrzeugfabrik Eisenach am Fuße der Wartburg in Thüringen. Das Werk zählt damit zu den ältesten Automobilstandorten Deutschlands. In den ersten Jahrzehnten entstanden dort unterschiedliche Fahrzeuge, unter anderem unter der Marke „Dixi“, die sich als Lizenzbau des britischen Austin 7 einen Namen machte.
1928 übernahm die Bayerische Motoren Werke AG (BMW) aus München das Eisenacher Werk. Damit begann eine mehr als anderthalb Jahrzehnte währende Phase, in der Eisenach zu einem der wichtigsten Produktionsstandorte der Marke BMW wurde – zeitweise sogar der einzige Automobilstandort des Unternehmens.
Eisenach als BMW-Automobilwerk (1928–1945)
In den 1930er-Jahren entwickelte sich Eisenach zum Zentrum der BMW-Automobilfertigung. Hier entstanden bekannte Vorkriegsmodelle wie der BMW 315, BMW 319, BMW 326, BMW 327 und der legendäre BMW 328. Bis 1941 verließen nach vorliegenden Angaben rund 62.800 Fahrzeuge dieser Baureihen das Werk. Der BMW 326, eine Reiselimousine der gehobenen Mittelklasse, wurde von 1936 bis 1941 gebaut und bildet später die technische Basis für den EMW 340. Der BMW 327 wiederum, ein Sportcoupé beziehungsweise -cabriolet, ergänzte das Programm ab 1937 im oberen Preissegment.
Der Zweite Weltkrieg unterbrach diese Entwicklung. Wie viele deutsche Automobilwerke wurde auch die Eisenacher Fabrik in die Rüstungsproduktion eingebunden. Das Werksgelände blieb im Gegensatz zu vielen anderen Industriestandorten weitgehend unzerstört – ein Umstand, der für die schnelle Wiederaufnahme der Produktion nach Kriegsende von großer Bedeutung war.
Kriegsende, Besatzung und Neuanfang (1945–1949)
Im April 1945 wurde Eisenach zunächst von amerikanischen Truppen besetzt. Die Alliierten hatten jedoch bereits im Vorfeld festgelegt, dass Thüringen in die sowjetische Besatzungszone fallen würde. Im Juli 1945 übernahm daher die sowjetische Militärverwaltung die Kontrolle über das Werk.
Die Produktion wurde unter der Regie der neu gegründeten sowjetischen Aktiengesellschaft „Sowjetische AG Maschinenbau Awtowelo“ (kurz: Awtowelo) fortgeführt. Zunächst montierte man aus vorhandenen Teilebeständen und teilweise fertiggestellten Vorkriegsfahrzeugen weiter Modelle wie den BMW 327. Da das Münchner BMW-Werk zu diesem Zeitpunkt noch keine eigene Automobilproduktion wieder aufgenommen hatte, trugen sämtliche zwischen 1945 und 1951 gebauten „BMW“-Personenwagen tatsächlich das Eisenacher Werksschild – ein historisches Detail, das in der Sammler-Community bis heute für Diskussionen sorgt.
In diese Phase fällt auch die Entwicklung eines neuen Modells: Ab 1947 arbeitete Awtowelo an einer Weiterentwicklung des BMW 326 mit überarbeiteter Front- und Heckpartie. Bereits im April 1948 entstanden erste Prototypen, im Februar 1949 wurde das Fahrzeug auf einer Ausstellung in Brüssel als eigenständige Neuentwicklung präsentiert. Die Serienproduktion begann im Oktober 1949 unter der Bezeichnung BMW 340 – zu diesem Zeitpunkt noch mit dem blau-weißen BMW-Emblem.
Der Rechtsstreit um den Namen BMW
Parallel zur Wiederaufnahme der Eisenacher Produktion baute die Bayerische Motoren Werke AG ihren Münchner Stammsitz wieder auf. Als Markeninhaberin beanspruchte sie die alleinige Nutzung des Namens „BMW“ sowie des blau-weißen Rautenemblems für sich. Es entstand ein Rechtsstreit zwischen dem Münchner Unternehmen und der Eisenacher Awtowelo AG um die Markenrechte – ein Konflikt, der stellvertretend für die deutsch-deutsche Teilung stand: Der traditionsreiche Markenname blieb rechtlich beim westdeutschen Stammsitz in München, während das Werk, in dem die Marke historisch groß geworden war, im Osten lag.
Das Ergebnis dieses Streits war eine erzwungene Umbenennung des Eisenacher Werks – verbunden mit einer bemerkenswert pragmatischen Lösung, die bis heute den Namen EMW prägt.
Die Umbenennung zu EMW (1952)
Zum 1. Juli 1952 musste das Eisenacher Werk die Bezeichnung „Bayerische Motoren Werke“ aufgeben. Aus „BMW“ wurde „Eisenacher Motorenwerk“ – kurz EMW. Damit blieb die vertraute Abkürzung nahezu erhalten, während der Markenname rechtlich neu verankert wurde. Auch das Emblem änderte sich: An die Stelle des blau-weißen Rautenlogos, das die bayerischen Landesfarben zitierte, trat ein rot-weißes Emblem in den Farben des Landes Thüringen.
Für die ab diesem Zeitpunkt gebauten Fahrzeuge – insbesondere die Weiterentwicklung des 340 als EMW 340-2 sowie den EMW 327 – bürgerte sich die Typenbezeichnung „EMW“ ein, auch wenn technisch in vielen Punkten weiterhin auf den BMW-Vorkriegskonstruktionen aufgebaut wurde.
Verstaatlichung und VEB Automobilwerk Eisenach (1953)
Bereits ein Jahr nach der Umbenennung, 1952/1953, wurde das Werk vollständig in staatliches Eigentum der DDR überführt. 1953 erhielt es seinen endgültigen Namen als volkseigener Betrieb: VEB Automobilwerk Eisenach (AWE). Die Typenbezeichnung „EMW“ blieb für die auslaufende Pkw-Baureihe zunächst bestehen, wurde aber zunehmend durch neue AWE-Modelle wie den späteren Wartburg abgelöst. Die Motorradproduktion in Eisenach – ebenfalls unter dem Namen EMW bekannt – endete nach vorliegenden Angaben 1955.
Bedeutung für die deutsche Automobilgeschichte
EMW steht exemplarisch für ein Kapitel deutscher Industriegeschichte, das in der öffentlichen Wahrnehmung lange im Schatten der bekannteren westdeutschen Nachkriegsmarken stand. Dabei war Eisenach in den ersten Nachkriegsjahren einer der wenigen Standorte, an denen in Deutschland überhaupt wieder Personenwagen der gehobenen Mittelklasse gebaut wurden. Die Fahrzeuge verbanden Vorkriegstechnik mit den begrenzten Ressourcen der unmittelbaren Nachkriegszeit und dokumentieren damit sowohl die Kontinuität deutscher Ingenieurskunst als auch die politischen Brüche jener Jahre.
Für Sammler und Restauratoren sind EMW-Fahrzeuge heute vor allem deshalb interessant, weil sie einen unmittelbaren technischen Bezug zu den BMW-Vorkriegsmodellen 326 und 327 aufweisen, dabei aber eine eigenständige, vergleichsweise seltene Fahrzeuggruppe bilden.
BMW und EMW – eine sorgfältige Abgrenzung
Für die Einordnung einzelner Fahrzeuge und Ersatzteile ist die zeitliche und markenrechtliche Abgrenzung wichtig:
- Bis 1945: Fahrzeuge aus Eisenach tragen den Namen BMW und entstehen unter der Regie der Bayerische Motoren Werke AG.
- 1945–1952: Die Produktion läuft unter sowjetischer Verwaltung (Awtowelo) weiter, die Fahrzeuge tragen zunächst weiterhin die Bezeichnung „BMW“, obwohl das Münchner Unternehmen zu diesem Zeitpunkt keinen Einfluss auf die Eisenacher Fertigung hat.
- Ab Juli 1952: Umbenennung in EMW (Eisenacher Motorenwerk), neues Emblem in Rot-Weiß.
- Ab 1953: Vollständige Verstaatlichung als VEB Automobilwerk Eisenach (AWE), EMW bleibt zunächst als Typenbezeichnung für die auslaufende Baureihe bestehen.
Diese Abgrenzung ist auch für die Ersatzteilsuche relevant: Viele Bauteile wurden über den gesamten Zeitraum hinweg mit nur geringen Änderungen weitergefertigt, sodass sich BMW- und EMW-Typenbezeichnungen bei einzelnen Komponenten überschneiden können. Details dazu finden sich auf der Seite zum EMW 340 sowie im Ersatzteilkatalog.
Hinweis zur Quellenlage
Die auf dieser Seite dargestellten Jahreszahlen, Stückzahlen und Zuordnungen basieren auf einer Auswertung frei zugänglicher, seriöser Quellen (unter anderem Fachpublikationen, Oldtimer-Datenbanken und Enzyklopädien). Insbesondere exakte Produktions- und Stückzahlen schwanken je nach Quelle teilweise erheblich. Wo möglich, wurde dies im Text durch vorsichtige Formulierungen („nach vorliegenden Angaben“, „rund“) kenntlich gemacht. Für restauratorische oder wissenschaftliche Zwecke empfiehlt sich zusätzlich die Prüfung anhand von Fachliteratur, Werksunterlagen oder Museumsbeständen, etwa des Automobile Welt Eisenach e.V.